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Tipps was man bei ärztlichen Behandlungsfehlern tun kann

Es kommt leider viel häufiger vor, als man glaubt: die Behandlung durch einen Arzt führt zu teilweise schwerwiegenden Folgeschäden. Welche Rechte man als Patient hat und was man unternehmen kann, wenn man vermutet, dass der Arzt einen Fehler gemacht hat erläutert Ihnen unser Experte Wolfgang Büser an dieser Stelle. Auf jeden Fall sollte man für einen solchen Fall nicht an einer Rechtsschutzversicherung sparen.

Wolfgang Büser, Wirtschaftsjournalist. sparen.de-Experte für alle Rechtsfragen.

Nach ca. dreißig Jahren im öffentlichen Dienst ist Wolfgang Büser, im Übrigen auch als Lehrer in der Erwachsenenbildung, als Wirtschaftsjournalist für Tageszeitungen, Wochenzeitungen sowie Monatszeitungen tätig. Herr Büser steht Verbrauchern regelmäßig im ARD-Morgenmaga­zin, in der ZDF-Dreh­scheibe, zwei Landesfernseh- sowie verschiedenen Rundfunkanstalten mit Rat und Tat zur Seite.

Überdies war Herr Büser für die Fernsehsendungen ZDF-„Streit um drei“, ZDF-„Kerner“ und das SAT.1-Frühstücks­fern­se­hen als Rechtsexperte tätig.

Was tun, wenn der Arzt „krank macht“? / 15.000-mal „MDK“...

Auch ein 4 1/2jähriger kann sich schon „erinnern“

Ärzte sind auch nur Menschen – und machen Fehler. Fehler mit tödlichem Ausgang kosten pro Jahr Tausenden Menschen das Leben. Fehler ohne Todesfolge kommen etwa 170.000-mal im Jahr vor. Wer als Operierter oder nur Behandelter einen „ärztlichen Kunstfehler“ vermutet, der kann dagegen angehen – gegebenenfalls mit Hilfe seiner Krankenkasse. Schadenersatz und Schmerzensgeld können das Ergebnis sein.

Zivilcourage im eigenen Interesse kann also lohnen. 15.000-mal wurden im vergangenen Jahr Gutachten bei vermuteten Behandlungsfehlern angefertigt Allerdings: Nur 3.700 davon bestätigten den von den Patienten monierten Fehler.

Diese vier Grundsätze umfassen die Patientenrechte:

- Jeder Arzt ist verpflichtet, seine Patienten über die Risiken einer Behandlung – etwa einer Strahlentherapie – zu informieren. Ohne Zustimmung darf ein Doktor grundsätzlich keinen Eingriff vornehmen. Der Arzt muss wahrheitsgemäß, vollständig und verständlich antworten. Die „letzte Entscheidung“ – etwa Operation: ja oder nein? – liegt beim Patienten (natürlich von Notfällen, zum Beispiel bei Bewusstlosigkeit, abgesehen)

- Dass sehr sorgfältig behandelt werden muss, versteht sich. Das heißt: Der Arzt muss in direktem Kontakt mit seinem Patienten die Anamnese durchführen und die Therapie planen

- Dazu gehört auch, die „passenden“ Arzneien zu verordnen und wegen der Einnahme nicht nur auf den Beipackzettel zu verweisen. Der Doktor hat auch darüber entsprechend dem „Empfängerhorizont“ seiner Patienten aufzuklären

- Die Patienten haben das Recht, ihre Behandlungsunterlagen einzusehen; sogar Fotokopien dürfen (gegen Kostenerstattung) verlangt werden. 

  

Welche Schritte können unternommen werden, wenn es zum Streit über einen – vom Patienten so empfundenen – „Behandlungsfehler“ kommt?

  1. Zunächst die Angelegenheit mit dem Arzt zu klären versuchen.
  2. Gelingt das nicht, so kann über die Ärztekammer ein – für den Patienten kostenfreies – Schlichtungsverfahren eingeleitet werden. In den meisten Fällen kommt es dabei zur Einigung.
  3. Gesetzlich Krankenversicherte können auch ihre Krankenkasse einschalten. Die darf zwar nicht selbst tätig werden, wird ihren Versicherten aber den jeweils „richtigen Weg“ weisen.
  4. Wenn alles nichts hilft, bleibt der Gang zum Gericht – nicht ohne anwaltliche Hilfe; das Gebiet ist naturgemäß schwierig.

Auf der Grundlage dieser Orientierungspunkte interessieren folgende Urteile zum Thema ärztliche Behandlungsfehler:

 

Ärzte müssen wissenschaftlich auf dem letzten Stand sein - Ärzte müssen sich auf ihrem Fachgebiet regelmäßig fortbilden und neue wissenschaftliche Erkenntnisse in die Behandlung von Patienten einfließen lassen. Dazu zähle es, in einer führenden Fachzeitschrift veröffentlichte Erkenntnisse umzusetzen, so das Oberlandesgericht Koblenz. Macht ein Arzt das nicht und kommt es zu einem groben Behandlungsfehler, so kann ein Patient Schmerzensgeld durchsetzen. Konkreter Fall: Nach einer OP litt eine Patientin unter heftigem Erbrechen und Übelkeit. Hintergrund: Die Frau hatte zuvor angegeben, dass sie die üblichen Narkosemittel nicht vertrage. Der Behandlungsfehler laut Gericht: Der Arzt hätte ein Medikament verabreichen können, das die Übelkeit „in den Griff bekommen“ hätte. Die Erkenntnisse dazu seien in einer anerkannten Fachzeitschrift veröffentlicht worden und hätten dem Narkosearzt zum Zeitpunkt der Operation bekannt sein müssen. (OLG Koblenz, 5 U 1450/11). Urteil: Der Frau wurden 1.000 Euro Schmerzensgeld zugesprochen.

Ärzte dürfen sich auch auf "wissend klingende" Eigendiagnosen nicht verlassen - Ärzte müssen auch fach- und sachkundige Patienten, die eine schlüssig klingende Eigendiagnose präsentieren, ordnungsgemäß und umfassend untersuchen. - Konkreter Fall: Ein Patient deutet gegenüber einem Orthopäden die starken Schmerzen auf seiner linken Körperseite als eingeklemmten Nerv. Kurze Zeit darauf stirbt der Mann an einem Herzinfarkt. Hintergrund: Der Patient ist Rettungssanitäter. Der Behandlungsfehler laut Gericht: Der Arzt glaubte dem Patienten und verzichtete darauf, ihn an einen Facharzt zu verweisen und unterließ eine wichtige weitere Untersuchung. Der Mann starb drei Stunden nach dem Praxisbesuch an einem Herzinfarkt. Urteil: Der Arzt muss den Angehörigen des Mannes Schadenersatz leisten, weil sich herausstellte, dass der Patient den Infarkt wohl überlebt hätte, wenn der Orthopäde einen Internisten hinzugezogen hätte. (Über die Höhe muss die Vorinstanz entscheiden - eine Geldstrafe wegen fahrlässiger Tötung in Höhe von 90 Tagessätzen ist gegen den Arzt bereits verhängt worden.) (OLG Koblenz, 5 U 857/11)

Ein viereinhalbjähriges Kind kann sich bereits erinnern – Konkreter Fall: Bei einem viereinhalbjährigen Kind kommt es durch einen ärztlichen Behandlungsfehler bei der Operation eines gebrochenen Armes zu einem schwerwiegenden Hirnschaden. Hintergrund: Es ist seitdem zu 100 Prozent schwer behindert, in der Pflegestufe III und auf ständige Pflege angewiesen. Urteil: Der Arzt beziehungsweise das Krankenhaus müssen Schmerzensgeld leisten. Das Kammergericht Berlin setzte eine Summe von 650.000 Euro an, wobei es erhöhend annahm, dass nicht ausgeschlossen werden dürfe, dass das Kind bereits "eine Erinnerung an den Zustand vor der schicksalhaften Operation" gehabt haben könnte. Das unterscheide den Fall von einem so genannten Geburtsschadenfall. (KG Berlin, 20 U 157/10)