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Private Unfallversicherung: Wann ist ein Unfall ein Unfall?

Eine private Unfallversicherung haftet nur bei Ereignissen, die von außen auf den Körper einwirken.

Ein Unfall ist schnell passiert und die Folgen können teuer werden. Private Unfallversicherungen sollen da Abhilfe schaffen und Versicherte finanziell absichern. Dazu werden bspw. Kosten für bestimmte Leistungen übernommen oder einer Unfallrente ausgezahlt. Im Gegensatz zur gesetzlichen Unfallversicherung gilt der Versicherungsschutz weltweit und rund um die Uhr. Doch ein Unfall ist nicht gleich ein Unfall. Private Unfallversicherungen haften in der Regel nur bei Ereignissen, die von außen auf den Körper einwirken. Diese Zuordnung ist allerdings nicht immer einfach.

Eine Sammlung besonderer Fälle haben Maik Hartmann und Wolfgang Büser zusammengefasst.    

Unser Rechtsexperte

Wolfgang Büser, Wirtschaftsjournalist. sparen.de-Experte für alle Rechtsfragen.

Nach ca. dreißig Jahren im öffentlichen Dienst ist Wolfgang Büser, im Übrigen auch als Lehrer in der Erwachsenenbildung, als Wirtschaftsjournalist für Tageszeitungen, Wochenzeitungen sowie Monatszeitungen tätig. Herr Büser steht Verbrauchern regelmäßig im ARD-Morgenmaga­zin, in der ZDF-Dreh­scheibe, zwei Landesfernseh- sowie verschiedenen Rundfunkanstalten mit Rat und Tat zur Seite.

Überdies war Herr Büser für die Fernsehsendungen ZDF-„Streit um drei“, ZDF-„Kerner“ und das SAT.1-Frühstücks­fern­se­hen als Rechtsexperte tätig.

 

Eine informative Zusammenstellung zum Thema private Unfallversicherung haben Maik Hartmann und Wolfgang Büser erstellt und einige außergewöhnliche Urteile kommentiert.

 

Private Unfallversicherung: Welches Ereignis kommt „von außen“?

Auch Rosendornen oder Nüsse können „versicherten“ Tod bringen

 

Wie der Name schon sagt: Die private Unfallversicherung sichert Menschen ab, die einen Unfall erlitten haben. Aber was genau ist ein „Unfall“? Was der „normale Mensch“ als ein solches Malheur definieren könnte, muss mit der versicherungstechnischen Version nicht unbedingt übereinstimmen. Es muss sich um ein Ereignis handeln, dass „von außen auf den Körper einwirkt“. So lautet nämlich die Version der Versicherer. Und wo zwei Meinungen sind, gibt es manchmal Streit. Die interessantesten Urteile:

 

Das Oberlandesgericht Karlsruhe hatte aktuell einen (Todes-)Fall zu beurteilen. Es musste entscheiden, ob die private Unfallversicherung zu leisten hatte. Was war geschehen?

Ein Mann verletzte sich beim Beschneiden eines Rosenstockes am Mittelfinger durch einen Rosendorn. Ihm musste wegen einer Infektion zunächst ein Teil des Fingers amputiert werden. Die Infektion führte dazu, dass sein Gesundheitszustand immer schlechter wurde - und er schließ­lich an einer Blutvergiftung starb.

Die Witwe beanspruchte von der Versicherung die vereinbarte Leistung im Todesfall: 12.000 Euro. Das Unternehmen verweigerte die Zahlung mit dem Argument, es habe sich nicht um einen Unfall im versicherungstechnischen Sinne gehandelt, für den „von außen auf den Körper hätte eingewirkt“ worden sein (wie das zum Beispiel bei Zusammenstößen mit Sachen, Tieren oder anderen Personen der Fall ist). Ferner könne es sich auf die Klausel in seinen Bedingungen berufen, nach der Infektionen ausgeschlossen sind, wenn die Erreger durch eine „Haut- oder Schleimhautverletzung“ in den Körper gelangen.

Das Gericht sah das anders und wertete den Dornenstich als Unfall. Denn der Versicherer konnte nicht beweisen, dass durch den Rosendorn nicht doch tieferes Gewebe als nur die Haut verletzt wurde. Es verurteilte die Gesellschaft zur Zahlung. (AZ 12 U 12/13)

 

Nussallergie

Ein ebenso tragischer Fall musste vom Oberlandesgericht München entschieden werden. Dort starb ein 15jähriges, geistig behindertes Mädchen an den Folgen ihrer Nussallergie. Sie hatte an Heiligabend versehentlich Allergene zu sich genommen, die in Schokoladenstäbchen steckten, eine allergische Reaktion auslösten – und zum Tod führten. Auch hier verweigerte die private Unfallversicherung die Leistung (es ging um 27.000 €, die die Mutter aus der Police beanspruchte), weil es sich nicht um einen Unfall im Sinne der Assekuranz gehandelt habe. Die Münchener Richter sahen das aber anders:

„Eine bestehende allergische Reaktionsbereitschaft des Körpers auf bestimmte Lebensmittelstoffe“ sei keine (mitwirkende) Krankheit im Sinne der privaten Unfallversicherung“. (AZ: 14 U 2523/11)

 

Gefährliche Sonne

Auch das höchste deutsche Zivilgericht musste sich bereits mit einem außergewöhnlichen Unfall befassen. Folgenden Sachverhalt hatte der Bundesgerichtshof (BGH) zu beurteilen:

Eine Frau nahm ein (zu) ausgiebiges Sonnenbad. Ihr wurde nach dem Aufstehen schwindelig, sie torkelte und fiel mit dem Kopf gegen einen Stein. Die Versicherung stufte diesen Vorgang als vorübergehende Bewusstseinsstörung ein, die vom Versicherungsschutz nicht erfasst werde. Der BGH stimmte dem zu und machte auch die Ausnahmen deutlich: Wäre die Bewusstseinsstörung ihrerseits durch einen Unfall ausgelöst worden, so hätte Versicherungsschutz bestanden. Das bedeutet: Wäre die Frau durch ein plötzliches, äußeres Ereignis eingeklemmt worden, ohne sich dabei zu verletzen, hätte dies aber zur Folge gehabt, dass sie längere Zeit ungeschützt sengender Sonne ausgesetzt gewesen wäre, dann hätte die nachfolgende - wegen Schwindelanfalls ausgelöste - Bewusstseinstrübung als "Unfall" anerkannt werden können. Ohne einen solchen ungewöhnlichen Vorgang aber nicht... (AZ: IV ZR 219/07)

 

Weitere bemerkenswerte Urteile zum Thema:

 

Achillessehne: Reißt die Achillessehne eines privat Unfallversicherten beim Badminton bei einem schnellen Antritt, so kann seine Versicherung nicht die Leistung verweigern, weil keine "plötzliche Krafteinwirkung von außen eingesetzt" habe. Das Landgericht Dortmund machte deutlich, dass auch dann der Anspruch auf die vereinbarte Invaliditätsleistung bestehe (die hier 3.200 € ausmachte), wenn die Verletzung durch die erhöhte Kraftanstrengung "des eigenen Körpers" aufgetreten sei. Es handele sich dann auch um einen zu entschädigenden Unfall. (AZ: 2 O 449/07)

 

Bandscheibe: Ein Mann, der einen von einem Handwagen rutschenden schweren Karton auffangen will und sich dabei so "ungeschickt" bewegt, dass er einen Bandscheibenvorfall erleidet, kann für diesen Vorfall keine Zahlung aus seiner privaten Unfallversicherung verlangen. Es müsse sich, soll ein Unfall anerkannt werden, um ein "von außen auf den Körper einwirkendes Ereignis handeln". Das sei hier nicht der Fall gewesen, so das Oberlandesgericht Düsseldorf. Denn die Bewegung war "gewollt und unwillkürlich", so dass die Gesundheitsschädigung selbst verschuldet worden ist. (OLG Düsseldorf, 4 U 149/10)

 

Bizeps: Reißt einem Taxifahrer die Sehne im Bizeps als er beim Gepäck-Ausladen einen 20 Kilogramm schwere Koffer aus dem Kofferraum hebt, so muss seine private Unfallversicherung für diese Verletzung nicht zahlen. Das hat das Oberlandesgericht Hamm entschieden. Das Ausladen eines Koffers sei kein "plötzlich von außen auf den Körper einwirkendes Ereignis". Auch der so genannte erweiterte Unfallbegriff, bei dem eine „erhöhte Kraftanstrengung an Gliedmaßen und Wirbelsäule“ vorliegen müsste, ändere nichts. Denn schließlich ist das Kofferverladen durch einen Taxifahrer eine für ihn typische Tätigkeit, und bis 20 Kilogramm schwere Gepäckstücke liegen im üblichen Gewichtslimit, wie es etwa aus dem Flugverkehr mit seinem großen Aufkommen an Taxifahrgästen bekannt ist. Von einer „erhöhten“ Kraftanstrengung des Taxifahrers beim Herausheben des Unglückkoffers könne also keine Rede sein. (OLG Hamm, 20 U 151/10)

 

Überdosis: Stirbt ein privat Unfallversicherter an einer Überdosis gespritzten Heroins, so hat die im Todesfall begünstigte Mutter keinen Anspruch auf die Auszahlung der Versicherungssumme (hier: 10.000 €), weil es sich nicht um einen "Unfall" handelte. Ein solcher liegt nach den Versicherungsbedingungen nur vor, wenn „der Versicherte durch ein plötzlich von außen auf den Körper einwirkendes Ereignis unfreiwillig eine Gesundheitsschädigung erleidet“. (Oberlandesgericht Karlsruhe, 12 U 414/04)

 

Auch ein Torwartabschlag kann zum Unfall werden: Ein Fußballtorwart hatte sich bei einem Abschlag einen Muskelfaserriss zugezogen und dadurch einen Dauerschaden davongetragen. Als er den Vorfall seinem privaten Unfallversicherer meldete, wollte dieser den Schaden jedoch nicht regulieren. Ein Torwartabschlag sei kein "plötzlich" eintretendes Ereignis, sondern eine vollständig beherrschte, willkürliche Eigenbewegung des Sportlers. Dem wollten die Richter des Münchner Oberlandesgerichts jedoch nicht folgen. Auch wenn der Abschlag zumindest im groben Verlauf geplant war, habe sich der zur Verletzung führende Vorgang zweifellos in einem so kurz bemessenen Zeitraum abgespielt, dass von einer "Plötzlichkeit" auszugehen sei. Zudem sei auch der Tatbestand der "Unfreiwilligkeit" erfüllt, der sich nicht aus dem (geplanten) Zusammentreffen des Fußes mit dem Ball, sondern aus der daraus resultierenden Gesundheitsschädigung ergebe. (OLG München, 25 U 3980/11)

 

Zecken überfallen zwar "plötzlich", aber...: Erkrankt ein Mann an Borreliose, weil er von einer Zecke gestochen wurde, so hat er keinen Anspruch auf Leistungen aus seiner privaten Unfallversicherung. Zu diesem Ergebnis kam das Oberlandesgericht Köln. Zwar handele es sich um einen "Versicherungsfall", wenn ein Versicherter durch ein "plötzlich von außen auf den Körper einwirkendes Ereignis" einen Unfall erleide. Doch eine durch einen Zeckenbiss entstandene Hautverletzung sei sehr klein und habe für sich betrachtet "ohne eine in der Folge hervorgerufene Infektion keinen Krankheitswert", die ärztlicher Behandlung bedürfe. Eine Unfallversicherung diene nicht dazu, "die finanziellen Folgen sämtlicher Ereignisse abzusichern, die eine körperliche Beeinträchtigung nach sich" zögen. (OLG Köln, 20 U 218/07)

 

(Maik Heitmann und Wolfgang Büser)